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Werbebranche mit historischen Scheuklappen

Werbebranche mit historischen Scheuklappen

Schwere Missachtung jüdischen Leids

Helmut Kramer 02.02.2009, 12:30 Uhr

In einem am 30. Januar (!) an die Kundschaft massenhaft versandten Newsletter versucht das Warenhaus Karstadt mit seiner neuen Schnäppchenlinie „Sonderkommando“ die Aufmerksamkeit auf ein bei sofortiger Bestellung (innerhalb 24 Stunden) besonders günstiges Angebot zu lenken und bedient sich dabei der fettgedruckten Worte

Sonderkommando Preis“

Der Begriff „Sonderkommando“ – eines der grauenhaftesten Worte verschleiernder nationalsozialistischer Sprache – hat sich allen, die sich auch nur etwas mit dem industriell betriebenen Massenmord an den Juden befasst haben, unauslöschlich eingebrannt. Das „Sonderkommando“ des KZ Auschwitz-Birkenau bestand aus jüdischen, meist sehr jungen Häftlingen des Vernichtungslagers. Sie wurden dazu gezwungen, die Ermordung der jüdischen Häftlinge vorzubereiten. Nach der Vergasung mussten sie die Ermordeten aus den Gaskammern herauszerren, ihnen die Goldzähne herausreißen und den weiblichen Leichen die Haare abschneiden. Anfangs mussten sie die Leichen in Gruben, später in den Krematorien verbrennen. Wer sich weigerte oder die Opfer über das ihnen bevorstehende Schicksal aufklärte, wurde erschossen oder totgeprügelt. Viele Häftlinge des Sonderkommandos begingen Suizid oder verloren den Verstand. Nach mehreren Arbeitsgängen wurden sie erschossen und immer wieder durch andere Häftlinge ersetzt (Literatur u.a.: Gidion Greif, Wir weinten tränenlos. Fischer tb 13914. Frankfurt 1999).

Mit dem Vorwurf mangelnder Sensibilität ist ein solcher Missgriff geschäftlicher Werbung nur unzureichend charakterisiert. Gewiss kann man den Verantwortlichen des Karstadt-„Schnäppchenmarktes“ mit der „Sonderlinie – Sonderkommando“ einen bewussten Sittenverstoß nicht ohne weiteres unterstellen, obgleich ein kurzes Anklicken einer der Internet-Suchmaschinen zur Vergewisserung genügt hätte. Weil der ominöse Begriff aber dem normalen Sprachgebrauch völlig unbekannt ist, sondern nur im Rahmen der schrecklichsten deutschen Geschichte auftaucht, muß man im Hinterkopf hier wohl etwas Unerhörtes assoziiert haben. „Sonderkommando“ verweist auf alles andere als einen humanen Vorgang, wie überhaupt der Zusatz „Sonder“. Ob „Sonderbehandlung“ oder „Sondergericht“ (verschleiernde Ausdrücke aus der Ligua Tertii Imperii – Victor Klemperer)und „Sondermüll“ stets im Zusammenhang mit Tod und Lebensgefahr erscheint. Der Begriff ist also schwer kontaminiert. Offensichtlich verleitet der immer härtere Konkurrenzkampf zwischen den Warenhäusern zu noch reißerischen, aggressiveren Werbepraktiken mit entsprechend provokatorischer Tendenz. Bekanntlich handelt es sich nicht um den ersten Fall von historischer Ahnungslosigkeit in der geschäftlichen und politischen Werbung. Der Missgriff ist symptomatisch dafür, wie wenig das Wissen um die deutsche Vergangenheit in der deutschen Geschäftswelt angekommen ist. Alle Festreden zu den historisch belasteten Jahrestagen wie etwa am 27. Januar, 3 Tage vor dem Start dieser Werbung, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Geschichtsunterricht an den Schulen nicht gelingt, neben Wissensvermittlung auch die nötige Sensibilität beim Umgang mit der Vergangenheit zu wecken.

Es bleibt zu hoffen, dass die Firma Karstadt sich für den auch mit einer schweren Kränkung der überlebenden Opfer verbundenen Missgriff in aller Form entschuldigt.

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Hier war noch am Montagabend, 02.02.09 der Begriff "Sonderkommando" in der Werbung zu finden  

http://www.karstadt.de/kategorieAnzeigen.do?pfad=&kid=886223

Hier ist er immer noch zu finden: (03.02.08)

http://news.karstadt.de/I?a=A9X7CkAS0XS5sJO74ead_ADhjw

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Aber Karstadt hat dazu gelernt:

SPIEGEL ONLINE, 03.02.2009
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Werbung: Karstadts Panne mit dem "Sonderkommando"
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Werber, so scheint's, haben es nicht so mit Geschichte. Karstadt ließ
jetzt ein "Sonderkommando Preis" auftreten, obwohl der Begriff
"Sonderkommando" historisch belegt ist - die Nazis bezeichneten damit
jüdische Häftlinge in Auschwitz. Die Kaufhauskette zog die Werbung
zurück.

Von Nils Klawitter

Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,605086,00.html


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